Krise im Tschad
Der Tschad ist ein Binnenland und eines der ärmsten Länder der Welt. Landwirtschaft ist der wichtigste Wirtschaftszweig, doch etwa die Hälfte der Fläche ist Wüste; Ackerbau ist auf einige Landesteile im Süden beschränkt. Die Bevölkerung verteilt sich auf zahlreiche Sprach- und Volksgruppen mit teils nomadischen, teils halbnomadischen, teils sesshaften Lebens- und Wirtschaftsweisen. Mehr als die Hälfte ist muslimisch, rund ein Drittel vor allem im Südteil bekennt sich zum Christentum.
von Bernd Ludermann
Die frühere französische Kolonie wurde 1960 unabhängig. 1965 begann ein Bürgerkrieg, in dem der Gegensatz zwischen Nord- und Südteil, Fraktionskämpfe sowie Einmischungen insbesondere Libyens und Frankreichs eine Rolle spielten. Er endete 1990 mit der Machtergreifung des früheren Armeechefs Idriss Déby, einem Muslim aus der Volksgruppe der Zaghawa. Er ließ eine neue Verfassung ausarbeiten und sich 1996, 2001 und erneut 2006 in sehr umstrittenen Wahlen zum Staatspräsidenten wählen. Seine Herrschaft brachte relativen Frieden, jedoch keine Verständigung zwischen den verschiedenen Gruppen und Fraktionen. Immer wieder wurden Putschversuche und Rebellionen brutal erstickt oder durch Vertreibung der Dissidenten in Nachbarländer vor allem den Sudan und die Zentralafrikanische Republik entschärft. Die demokratischen Institutionen blieben schwach, Déby behielt mit Hilfe des Militärs die Zügel in der Hand.
Im Jahr 2000 gab die Weltbank grünes Licht für den Plan, Erdöl im Süden des Tschad zu fördern und über eine Pipeline nach Kamerun zu exportieren. Auf Drängen von Menschenrechts- und Entwicklungsorganisationen setzte sie strenge Auflagen dafür durch. So sollten 80 Prozent der Öleinnahmen für Armutsbekämpfung verwendet werden, 10 Prozent sollten in einen Fonds für zukünftige Generationen fließen und 5 Prozent in das Gebiet, wo das Öl gefördert wird. Doch die Öleinnahmen erhöhten sowohl die Siegesprämie im Kampf um den Staat als auch die Mittel für diesen Kampf. Im Kreis der Getreuen Débys verschärfte sich der Kampf um seine Nachfolge. Zugleich führte die systematische Unterschlagung der Ölgelder zu sozialen Protesten. Hinzu kam seit 2003 der Krieg in der sudanesischen Provinz Darfur: Eine von Zaghawa getragene Gruppe von dortigen Rebellen erhielt Hilfe aus dem benachbarten Tschad, und die Regierung des Sudan unterstützte Gegner Débys. Die drei Entwicklungen zusammen führten 2005-06 fast zum Sturz Débys: Er konnte nach Desertionen aus der Armee und Revolten unter Zaghawa-Führern im April 2006 nur mit Hilfe von Rebellen aus Darfur sowie aus Frankreich einen Angriff auf die Hauptstadt abwehren.
Um seine Position zu festigen, verschaffte sich Déby stärkeren Zugriff auf die Öleinnahmen. Anfang 2006 setzte er Militärausgaben auf die Liste der vorrangigen Entwicklungsaufgaben ein Bruch des Abkommens mit der Weltbank , im August beendete er die Steuerbefreiung für die am Konsortium beteiligten Ölkonzerne. Im Dezember 2006 erreichte er eine Verständigung mit dem Führer der stärksten Rebellengruppe im Tschad. Dieser wurde Minister in Débys Regierung, Tausende seiner Kämpfer wurden in die staatliche Armee und damit in die Soldlisten aufgenommen. Andere Rebellionen gegen den Präsidenten dauern an. Déby scheint jedoch zur Zeit in der Lage, sie einzudämmen.
aus: der überblick 03/2007, Seite 150
AUTOR(EN):
Bernd Ludermann
Bernd Ludermann
Bernd Ludermann ist Redakteur des FORUM in "der überblick".